Coaching Geschichten #5 „Rot ist ja schon mal ein Statement“

„Der Schreibtischstuhl war rot“, der Blick meiner Coachee wandert in ihre Erinnerung. Ein Lächeln breitet sich aus, entspannt ihre Gesichtszüge, ihr gesamter Körper wird lockerer, beweglicher. Es fließt.

„Da war ich die Chefin auf meiner Bühne“, fährt sie fort.

Obwohl wir auf Zurückliegendes schauen, geht ihr Blick nach vorn oben. Für mich ein gutes Zeichen. 

„Ich konnte mich ganz einfach einmal zurücklehnen und dann wieder nach vorn. Und…,“ ein schelmisches Grinsen, die Augen leuchten, „in jeder Sitzung hatte ich den dabei. Alle anderen saßen auf ihren unbequemen Stühlen, ich auf meinem Roten.“

Währenddessen richtet sie sich auf. Ihre Schultern gehen zurück. Wie von Stolz und Entschlossenheit eingerahmt, sitzt sie vor mir. Das Embodiment, das sie in der kommenden Zeit stärken kann, scheint gefunden.

„Wie ein Feuerstuhl, oder sowas wie ein Thron“, taucht mir auf und ich gebe es rein. 

„Ja, genau!“, sie lacht voll, geschmeidig und gelöst. 

Anliegenklärung

K.T. entschließt sich für das Ressourcendusche-Coaching und hat einen ganzen Rucksack voller Anliegen. Unser Erstgespräch ist für sie hoch emotional, gleichzeitig klärend. Einfach mal nur auf sich zu schauen und sein dürfen, mit allem, was gerade ist, ist ihr eine Wohltat. 

Frau T. ist das, was man landläufig als Powerfrau bezeichnen würde. Ende fünfzig, mit einem Sack voll Erfahrung als Bürgermeisterin ihrer Heimatgemeinde, immer in Bewegung – Arbeit, Kinder, Enkelkinder, Ehemann, Freunde, Hund, Gemeinde, Verein… Das erfahre ich im Erstgespräch und bin mir sicher, wir werden auf Ressourcen stoßen, besonders die Bürgermeisterin springt mich an.

Sortieren – Schubladen im Hängeregister

K.T. sieht sich aktuell zerrissen und allein auf weiter Flur, zerrieben zwischen den eigenen Ansprüchen, für ihren psychisch erkrankten Mann, die Familie und ihren Hund da zu sein und dem, was ihre Nächsten als offene oder auch verdeckte Erwartung an sie formulieren. Belastend erlebt sie, dass sie sich mit ihrem Mann im Punkt der Hundeerziehung reibt und dabei existenzielle, auf die Zukunft gerichtete, grundlegende Fragen des Zusammenlebens offenbar werden. Der Hund und „sein Probleme“ erscheint wie ein Stellvertreter. 

Ihre Anliegen sortieren wir zunächst in Schubladen, die wie im Hängeregister angeordnet sind. Es lässt sich immer nur eine aufziehen. 

das Thema hinter dem Thema 

„Ich möchte mich aus alten Ängsten befreien und einfach wieder eine schöne Zeit haben“, formuliert sie ihr Anliegen. Sie konkretisiert das Ziel noch einmal und schaut zunächst auf die Situation mit ihrem Hund. Gut so. Eins nach dem anderen.

„Ich möchte entspannt mit ihm die bekannten Strecken gehen, anstatt mir ständig Gedanken darum zu machen, was die Leute von mir denken. Jahrelang hab’ ich so in der Öffentlichkeit gestanden…“ 

„Ständig im Rampenlicht, immer unter Beobachtung?“, gebe ich als Spiegelung rein. 

„Ja, irgendwann war das einfach zu viel. Und wenn ich mit Felix unterwegs bin, dann bin ich oft total unsicher. Obwohl ich genau weiß, wie ich mit ihm umgehen will, wie er es braucht für seine Sicherheit. Bei den Terminen mit dem Hundetrainer klappt’s ja auch.“

K.T. erlebe ich als kluge, reflektierte Frau. Ihr ist bewusst, „wo es hakt“, was ausgedient hat und fühlt sich gleichwohl gefangen. 

Wir zapfen das innere Wissen an, das, was sie unbewusst weiß, was sie braucht. Die Bürgermeisterin taucht wieder auf – resolut, klar, freundlich, entscheidungsfreudig.

ein Kraftbild entsteht 

„Vor den Sitzungen bin ich immer zum Friseur gegangen. Und dann hab’ ich meinen roten Stuhl ins Sitzungszimmer gerollt, mich darauf gesetzt und einen Moment entspannt.“

Der rote Stuhl im Kraftbild scheint gesetzt. Sich zurücklehnen, gleichzeitig aufrecht sitzen, aufrichtig sein, bei sich sein, biete ich als mögliche Deutungen an. 

Sie nickt. 

„Gibt’s was Rotes im Kleiderschrank, das sie tragen könnten auf Ihren Spaziergängen mit Felix?“

Blitzschnell kommt die Antwort. 

„Ja, ich hab’ eine rotes T-Shirt, das könnte ich mal wieder anziehen.“ 

Es kommt Bewegung rein. 

„Rot ist ja schon mal ein Statement, oder?!“ Wir lachen beide und ich sehe Leichtigkeit aufblitzen. 

„Und wenn ich mir dazu vorstelle, dass mein Hundetrainer mir auf der Schulter sitzen würde, mir einflüstert ins Ohr. Ich sage ganz oft: “Was würde K. jetzt tun?“

Zwischendurch wollen die anderen Themen aus ihren Schubladen springen und auch das ist einfach in Ordnung. Auch die rufen nach ihrer Würdigung. Ich unterstütze sie dabei, zu benennen, welche Bedürfnisse sich da Aufmerksamkeit ausbitten, sie für etwas stehen, was fehlt. Allein das reicht, Klarheit zu gewinnen und die Schubladen für den Moment zu schließen. 

Comfortzone ist heilsam 

Wir erarbeiten einige „Wenn-Dann“-Pläne für für bekannte Situationen, z.B: „Wenn uns ein freilaufender Hund entgegenkommt, dann rufe ich Felix zu mir ran und spiele mit dem Zergel.“ 

Ich biete ihr an, es sich leicht zu machen und sich aktuell Situationen zu suchen, die wenig zusätzliche Ablenkungen beinhalten, sodass die sie entspannt mit Felix unterwegs sein kann. Ich gehe davon aus, dass so ihre vorhandenen Kräfte wieder mobilisiert werden können. Comfortzone ist heilsam. Sie beschließt, mit dem sehr unzeitgemäßen Training auf dem Hundeplatz zu pausieren und nur noch nach dem ihr nahen Konzept des Hundetrainers zu arbeiten. Meinen Impuls, das bereits als  Anfang für Veränderung sehen zu können – weg von Unsicherheit im Entscheidungen treffen, hin zu Klarheit, was sie möchte – nimmt sie dankbar an. 

„Ich möchte der Fels in der Brandung sein“, kommt es dann plötzlich, nachdem alle vorherigen stärkenden Sätze noch nicht passend waren. Sie sagt ihn mehrfach zu sich und es fühlt sich genau richtig an. 

„Den lass‘ ich mir auf mein T-Shirt drucken!“

Wir vereinbaren, dass sie sich den Satz mindestens 3x täglich sagt und vor jeder Runde mit dem Hund. Dazu nutzt sie ihr Embodiment – sich bewusst aufrichten, die Schultern zurücknehmen und aufrecht starten. Ihr fällt ein, dass noch mehr rote Shirts im Schrank hängen, die unbedingt mal ausgeführt werden sollten – mit Felix. 

ein Schritt nach dem anderen und dann der nächste 

„Können wir bitte weitermachen? Ich glaube, es würde mir guttun, an ein paar Themen weiter zu arbeiten. In den Schubladen liegt noch Einiges. Und ich finde es so toll, Hausaufgaben zu haben, auf die ich dann schauen kann, wie’s geklappt hat.“